Aktion “mustarda” (Aktion Senf)

Wenn sie denken, das Leben hier am Kap sei beschaulich, dann schmökern sie doch etwas im Tagebuch

Von September 2006 bis Oktober 2011 hier direkt.

 

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Fanclub der Letzten Bratwurst vor Amerika

 

Wir empfehlen Ihnen aber zunächst, erst einmal hier unsere Geschichten und die teilweise unglaublichen Begebenheiten zu lesen.


 

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1.September 2006

Ein Sondereinsatzkommando der Brigada Fiscal (Zoll) riegelt die Strasse zum Leuchtturm in einer Blitzaktion komplett ab. Eine mit 20 Mann bewaffnete SEK-Einheit ist bei dieser Razzia im Einsatz.

 

Alle Besucher werden aufgefordert, unverzüglich das Kap zu verlassen. Wir verfolgen diese Aktion überrascht und denken zuerst, es ist Bombenalarm. Es ist keine Bombe, sondern die neugegründete portugiesische Lebensmittelbehörde Autoridade de Segurança Alimentar e Económia (ASAE), die uns kontrollieren will.

Wir begrüßen unangemeldete Hygienekontrollen ausdrücklich, aber nicht diese Vorgehensweise. Wir kommen uns vor wie Verbrecher. Noch größer ist das Erstaunen, als der leitende Führungsbeamte, ein Tierarzt, am Schluss der Inspektion das Evangelium verkündet:
Unser Imbisswagen, die angebotene Ware, die Hygieneverhältnisse ergeben keinen Grund zur Beanstandung.  Die Papiere sind vollständig und in Ordnung. Nach (portugiesischer) Umsetzung der EU - Richtlinien 852/2004 und 882/2004 sind auch bei einem ambulantem Imbissverkauf feststehende Toiletten für das Personal (nicht für Kunden) vorgeschrieben. Die Frischwasserzufuhr müsse aus einer kommunalen Druckwasserleitung erfolgen. Wasserkanister mit Fußpumpe wie im restlichen Europa sind nicht erlaubt. Er schließe deshalb jetzt mit sofortiger Wirkung unseren Verkaufsstand wegen hygienischtechnischer Mängel. Falls wir weiterarbeiten, stecke er uns sofort ins Gefängnis (wortwörtlich - kein Scherz).

Das war es dann wohl. Wir reinigen den Wagen, packen zusammen und fahren ungläubig nach Hause. Weitere Informationen sollen wir morgen früh im Leuchtturm von der Marine erhalten. Wir haben eine schlaflose Nacht und verstehen die Welt nicht mehr. Über 10 Jahre haben wir offiziell mit allen nötigen Papieren und Lizenzen gearbeitet. Jetzt ist von einer Minute auf die andere der Laden dicht.

2. September 2006 - “reunião” (die Zusammenkunft)

Pünktlich um 10 Uhr stehen wir unausgeschlafen aber frisch rasiert am Kap vor dem verschlossenen Tor. Wir werden von einem Marineoffizier namentlich aufgerufen und gebeten, einzeln einzutreten und (diesmal unbewaffnet) in den Aufenthaltsraum der Marinesoldaten geführt. Dort sitzen bereits die leitenden Herren der an der gestrigen Aktion beteiligten Behörden und Institutionen auf einem erhöhten Podest. Wir sitzen da, wie begossene Pudel.

Zuerst spricht ein uns Unbekannter, der in der Mitte sitzt, von einem neuen Projekt und wie künftig die Infrastruktur vor dem Leuchtturm aussehen wird. Er erzählt von einem Fahrradweg, einem großen Parkplatz, zwei Häuserzeilen. Wohlwollendes Kopfnicken aller lokalen Stammesfürsten begleiten die Ausführungen (Nationalparkverwaltung, Denkmalschutz, Bürgermeister und Landrat). Der Hafenkapitän von Porto als oberster Dienstherr der Marine, auf deren Gelände wir stehen, liest dann unsere Namen einzeln vor und überprüft die Anwesenheit und Identität; dann wünscht er uns freudig für die Zukunft gute Geschäfte. Hä?

Wir haben nichts verstanden. Dann eine weitere Erläuterung durch den Präsidenten der Camara persönlich: Es seien nach zähen Verhandlungen endlich alle Kompetenzen geregelt und abgestimmt und somit eine solide Basis für die Zukunft geschaffen worden. 18 Verkaufsstände (namentlich die bisherigen Lizenzinhaber) erhalten feststehende Verkaufslogen mit Wasser- und Stromanschluss in 2 Steinhäusern auf Mietbasis, die die Gemeinde zur Verfügung stellen wird. In der Übergangszeit - bis die Gebäude errichtet sind - kann provisorisch wie bisher (mit täglichem Auf- und Abbau der Imbisswägen) weitergearbeitet werden. Die Kollegen ohne Lebensmittel dürfen sofort weiterarbeiten. Um den Auflagen der ASAE zu entsprechen stellt die Gemeinde unverzüglich Toilettencontainer auf und legt eine Wasserversorgung. Spätestens in 14 Tagen können dann auch die Lebensmittelverkäufer weiterarbeiten. Ein großer Cognac ist notwendig und fällig.

5. September  2006

Der Bagger kommt und fährt wieder ab, weil jemand im Tiefbauamt plötzlich die Erkenntnis hat, daß die zu legende Wasserleitung nicht kommunal, sondern unter der Nationalstraße N 125 verläuft. Eine Genehmigung des zentralen Straßenbauamtes in Lissabon Außenstelle Faro ist nötig und wird beantragt. Das wurde bei den Planung übersehen.

23. Oktober 2006

16.000 Bratwürste wegen Ablauf des Mindesthaltbarkeitsdatums ordnungsgemäß entsorgt und vernichtet.

26. November 2006

Die schriftliche Genehmigung aus Faro liegt nach 11 Wochen vor. Die Saison ist für uns gelaufen..

4. Dezember 2006

Der Bagger kommt und verlegt das Rohr in knapp 2 Stunden. Der Wasseranschluss für den Zulauf ist fertig.

12. Dezember 2006

Für den Abwasser- und Fäkalientank muss jetzt der Aushub gemacht werden. Dafür braucht man - wen wundert es - eine Genehmigung. Diesmal von der Nationalparkverwaltung in Odemira . Der Antrag auf Bewilligung wird heute gestellt.

16. Dezember 2006

Warten auf die Genehmigung aus Odemira. Dabei stellt man nebenbei fest, daß noch eine weitere Genehmigung vom Amt für Denkmalschutz erforderlich ist. Es wundert uns zwischenzeitlich nichts mehr. Am Montag versuchen wir, bei der ASAE eine Ausnahmeregelung wenigstens für die Weihnachtsfeiertage zu erreichen.

18. Dezember 2006

Wir haben mit der ASAE gesprochen, die zu unserem Erstaunen sehr hilfsbereit ist. Es würde den Anforderungen genügen, wenn wir eine Chemietoilette in unmittelbarer Nähe unseres Imbisswagens und einen Zulauf der kommunalen Wasserversorgung haben. Die restlichen Auflagen haben wir ohnehin übererfüllt. Nachmittags vom Vizepräsidenten das Einverständnis erhalten, ein kleines Chemieklo am Kap provisorisch aufzustellen. Dieses wird sofort bestellt. Die neue Inspektion der ASAE wird telefonisch für den 20.12.2006 um 10.30 Uhr vereinbart.

19. Dezember 2006

Die Chemietoilette wird geliefert und am Kap innerhalb von 5 Minuten aufgestellt. 140 Euro Monatsmiete.

20. Dezember 2006

Die ASAE ist pünktlich um 11.00 Uhr zur Endabnahme da. Die Arbeiter der Gemeinde haben soeben den oberirdischen Wasseranschluss fertig. Ein Plastikrohr mit Wasserhahn aber mit Wasseruhr ragt einfach aus dem Boden. Den Inspektor der ASAE interessiert nur noch der Druckwasseranschluss, die Schlauchverbindung zum Imbiss  und die Toilette. Der Wagen innen wird nicht mehr kontrolliert. Dann wird feierlich das Verkaufsverbot mit sofortiger Wirkung aufgehoben und die Erlaubnis für den weiteren Lebensmittelverkauf schriftlich erteilt. Eine Flasche Schampus ist fällig. Wir können die Saison zwar mit großem Verlust abhaken, sind die Ersten und bisher Einzigen mit dieser Genehmigung und wir werden aus diesem Grund ausnahmsweise auch in den Wintermonaten am Kap präsent sein

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